"Es war einer dieser Novembersonntage, an denen die Stadt einen zu sehr einengt. Ich lebe jetzt schon eine Weile in Verona, arbeite in einem Handelsbüro und verbringe meine Tage zwischen Bildschirmen, Fristen und endlosen Telefonaten. Der Gedanke, ein Haus zu kaufen, schwirrte mir seit Monaten im Kopf herum, aber alles was ich gesehen hatte, war gleich: graue Wohnungen, anonyme Wohnanlagen, Balkone mit Blick auf andere Balkone. So öffnete ich fast zufällig eine Anzeige. Dro. Ein Dachgeschoss im dritten Stock. Ich weiß nicht warum, aber ich nahm das Auto und fuhr los.
Ich komme nach einer halben Stunde in Dro an. Das Dorf ist still und von Bergen umgeben. Ich parke, suche die Hausnummer und betrete den Innenhof des Gebäudes. Schon hier gefällt es mir: Es gibt einen kleinen Parkplatz für Bewohner, einige Bäume und ein Vordach das dich willkommen heißt. Der Immobilienmakler wartet vor dem Aufzug auf mich.
Wir fahren in den dritten Stock; auf der Treppe gibt es einen kleinen Abstellraum nur für mich: klein, kühl – perfekt um ein paar Flaschen unterzubringen oder um Dinge aufzubewahren die keinen Platz Zuhause finden.
Jetzt ist es Zeit für die Wohnung; die Tür öffnet sich und die Welt bleibt unten zurück. Dies ist ein Turm! Kein Turm aus Stein oder Efeu sondern ein Dachgeschoss mit derselben Seele: schwebend , geschützt , geheimnisvoll .
Ich trete ein und der Geruch von Holz empfängt mich . Am Eingang steht ein Kaminofen . Er brennt nicht , aber ich stelle ihn mir bereits an kalten Winterabenden vor , wenn die Flammen hinter dem Glas tanzen . Ich hebe meinen Blick ; Die Decke ist aus freiliegenden Balken geformt wie alte Rippen . Oben kein Geschoss , kein Nachbar der läuft : nur das Dach über uns und der Himmel darüber !
Es gibt ein geräumiges Doppelzimmer sowie noch eines größerer Schlafzimmer wo man sich verlieren kann; dazu kommt noch kleiner Raum zum Arbeiten oder als Gästezimmer falls Freunde einmal vorbeikommen sollten . Jedes Zimmer hat Öffnungen zur Decke hin – ich nenne sie Fenster zum Himmel : Sie öffnen sich zur Helligkeit des Tages bis hin zum Mondlicht bei Nacht ; auch beim Regen klopfen Tropfen wie ungeduldige Fingerchen darauf herum!
Das Badezimmer hingegen wirkt modern ausgestattet mit einer Duschkabine aus Glas welche scheint als würde sie schwerelos hängen ! Sauber & minimalistisch - einfach perfekt!
Aber das Herzstück dieses Dachbodens bildet nun mal Wohnzimmer-Küche zusammen ! Hier sind keine normalen Fenster vorhanden … Stattdessen kleine tiefe Fensterausschnitte auf Hüfthöhe sozusagen gemacht damit du schauen kannst ohne gesehen werden zu müssen ... Während meiner Vorstellungskraft Kaffee zuzubereiten sehe mich dort schon stehen : leicht gebeugt während mein Blick über Landstraße wandert durch´s Dorf hindurch wohin Leute gehen ganz ohne dass diese etwas von mir erwarten könnten... Innerhalb bin ich doch draußen zugleich! Darüber hinaus nah sein… Es fühlt sich beinahe so an als hätte man einen Platz in erster Reihe zur Welt jedoch ohne Verpflichtungen daran teilzunehmen!
Ich gehe vom Vordach heraus mitten ins Dorf hinein atme tief durch ... Die Luft hier schmeckt anders .. Reiner.. langsamer .. Keiner muss diesen Turm erklimmen.. Niemand sollte versuchen mich zu retten .. Vielleicht rette ich gerade selbst indem allein nur diesem Dachboden anzusehen?!? Noch immer kein Heim.. Noch immer nichts „mein“ .. Doch während Rückkehr zum Auto weiß bereits dass Angebot machen werde !! Denn jeder braucht seinen eigenen Turm!! Auch ICH !! Vor allem ICH."